

Gastbeitrag
Von künstlicher Intelligenz zu künstlichen Sinnen – was die Infineon Startup Challenge über die Zukunft humanoider Robotik verrät
June 25, 2026
Co-Innovation
Digitalisierung
Automatisierung
104 Bewerbungen aus 29 Ländern. Was dabei besonders überrascht hat: Nur wenige Teams wollten den nächsten humanoiden Roboter bauen. Die meisten arbeiteten an etwas viel Grundsätzlicherem – den Fähigkeiten, die Roboter erst wirklich handlungsfähig machen. Während die öffentliche Diskussion häufig von immer leistungsfähigeren KI-Modellen geprägt wird, zeigte sich in den Bewerbungen zur Infineon Startup Challenge on Humanoid Robotics ein anderes Bild.
Viele der spannendsten Innovationen beschäftigen sich nicht mit dem „Gehirn“ des Roboters, sondern mit seinen Sinnen: Sehen, Fühlen, Wahrnehmen und der sicheren Interaktion mit der physischen Welt. Genau darin könnte einer der wichtigsten Schlüssel für die nächste Entwicklungsstufe humanoider Robotik liegen.

Dr. NicoHerzberg
Startup Co-Innovation at Infineon Technologies | Ecosystem Builder | Entrepreneur
Infineon Technologies
Von der digitalen zur physischen Intelligenz
Die vergangenen Jahre waren geprägt von der rasanten Entwicklung generativer KI. Systeme konnten Texte schreiben, Bilder erzeugen oder komplexe Fragestellungen beantworten. Mit dem Aufkommen von Physical AI verschiebt sich der Fokus nun zunehmend von der digitalen in die physische Welt. Ein humanoider Roboter muss seine Umgebung erkennen, Menschen verstehen, Entscheidungen treffen und diese Entscheidungen in präzise Bewegungen umsetzen. Dabei reicht es nicht aus, die richtige Antwort zu kennen. Der Roboter muss auch sicher handeln können.
Für Menschen ist das selbstverständlich. Wir sehen, hören, fühlen, erkennen Widerstände, spüren Berührungen und reagieren intuitiv auf Veränderungen unserer Umgebung. Für Roboter stellt genau diese Verbindung zwischen Wahrnehmung und Handlung eine der größten Herausforderungen dar.
Die unterschätzte Rolle der Hardware
Öffentliche Diskussionen konzentrieren sich häufig auf Software und KI. Doch viele der entscheidenden Innovationen entstehen derzeit in Bereichen, die deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten. Humanoide Roboter benötigen eine Vielzahl von Sensoren, Aktoren und eingebetteten Rechensystemen. Sie müssen Kräfte messen, Oberflächen erkennen, ihre Balance halten, Bewegungen koordinieren und gleichzeitig energieeffizient arbeiten.
Jede Entscheidung eines Roboters basiert letztlich auf Informationen aus der realen Welt. Je besser diese Informationen erfasst und verarbeitet werden können, desto leistungsfähiger wird das Gesamtsystem. Die Zukunft humanoider Robotik wird deshalb nicht allein von künstlicher Intelligenz geprägt sein, sondern ebenso von künstlichen Sinnen.
Ein Blick auf die nächste Innovationsgeneration
Wie sich diese Entwicklung konkret manifestiert, zeigt die aktuelle Infineon Startup Challenge on Humanoid Robotics. Die internationale Ausschreibung stieß auf großes Interesse. Insgesamt gingen 104 Bewerbungen aus 29 Ländern ein. Nach einem mehrstufigen Auswahlprozess wurden 18 Startups ausgewählt, die nun gemeinsam mit Infineon und den Partnern der Challenge an Proof-of-Concepts arbeiten. Zwölf der ausgewählten Unternehmen stammen aus Europa, sechs aus Asien.
Die Challenge geht dabei bewusst über einen klassischen Pitch-Wettbewerb hinaus. Im Mittelpunkt steht nicht die Präsentation einer Idee, sondern die gemeinsame Entwicklung konkreter technischer Lösungen für reale Herausforderungen der humanoiden Robotik. Seit Juni arbeiten die ausgewählten Teams in einer mehrmonatigen Proof-of-Concept-Phase gemeinsam mit Technologie-, Industrie- und Business-Partnern an der Weiterentwicklung ihrer Ansätze. Neben technischem Feedback erhalten die Startups Unterstützung bei Themen wie Geschäftsmodellentwicklung, Skalierung, Marktzugang und Investorenansprache.
Besonders interessant ist dabei die technologische Verteilung der Projekte. Anders als häufig vermutet, konzentriert sich ein großer Teil der Innovationen nicht auf immer größere KI-Modelle. Stattdessen arbeiten viele Teams an grundlegenden Fähigkeiten, die für eine sichere Interaktion mit der physischen Welt notwendig sind. Mehrere Startups entwickeln neuartige taktile Sensorsysteme und künstliche Haut, die Berührungen, Kräfte oder Oberflächenstrukturen erfassen können.
Andere arbeiten an dreidimensionaler Umgebungswahrnehmung, energieeffizienten Aktoren, Edge-AI-Systemen, sicheren Kommunikationsarchitekturen oder intelligenten Integrationsplattformen für Robotersysteme. Die Auswahl zeigt deutlich, wohin sich die Branche bewegt: weg von isolierten Softwarelösungen hin zu ganzheitlichen Systemen, die Wahrnehmung, Intelligenz und Bewegung miteinander verbinden.
Warum Berührung der nächste große Schritt sein könnte
Besonders auffällig ist die hohe Anzahl von Startups im Bereich der taktilen Wahrnehmung. Während Kameras und Computer Vision in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht haben, bleibt der Tastsinn eine der schwierigsten Fähigkeiten für Roboter. Menschen können intuitiv erkennen, ob ein Gegenstand rutschig, zerbrechlich oder schwer ist.
Sie können Druck dosieren, Materialien unterscheiden und ihre Bewegungen kontinuierlich anpassen. Für humanoide Roboter ist diese Fähigkeit entscheidend. Wer zukünftig Werkzeuge bedienen, Pakete sortieren, ältere Menschen unterstützen oder industrielle Aufgaben übernehmen soll, muss seine Umwelt nicht nur sehen, sondern auch fühlen können. Die starke Präsenz von Startups aus den Bereichen künstliche Haut, Kraftsensorik und taktile Wahrnehmung deutet darauf hin, dass hier eines der wichtigsten Innovationsfelder der kommenden Jahre entsteht.
Innovation entsteht im Ökosystem
Technologische Durchbrüche entstehen selten isoliert. Besonders in der humanoiden Robotik treffen anspruchsvolle Hardwareentwicklung, künstliche Intelligenz, Systemintegration und Marktanforderungen aufeinander. Für junge Unternehmen ist es daher oft nicht ausreichend, nur über eine starke Technologie zu verfügen.
Ebenso wichtig sind Zugang zu Industriepartnern, Testumgebungen, Kunden, Investoren und erfahrenen Mentoren. Genau hier setzt die Infineon Startup Challenge an. Neben der technologischen Zusammenarbeit wurde ein internationales Netzwerk aus Innovationszentren, Inkubatoren und Startup-Organisationen aufgebaut. Dazu gehören unter anderem die TUM Venture Labs, der Science Park Graz, build! Kärnten, EIT Manufacturing, INITS, Eureka, das Hermann Hauser Frontier Lab sowie PODIM. Diese Partner unterstützen die teilnehmenden Startups nicht nur bei der Entwicklung ihrer Proof-of-Concepts, sondern auch bei Geschäftsmodellentwicklung, Skalierung, Internationalisierung und Finanzierung.
Besonders bemerkenswert ist dabei die globale Perspektive der Challenge. Von 104 Bewerbungen aus 29 Ländern wurden 18 Startups ausgewählt, die heute aus Europa und Asien gemeinsam an Lösungen für die nächste Generation humanoider Robotik arbeiten. Die Herausforderungen der Branche sind weltweit ähnlich – unabhängig davon, ob die Innovation in München, Graz, Singapur, Tokio oder Seoul entsteht. Der Höhepunkt der Challenge findet am 6. Oktober 2026 in Graz statt. Im Rahmen der EBSCON präsentieren die Teams die Ergebnisse ihrer Proof-of-Concepts einer Jury aus Industrie-, Technologie- und Startup-Experten.
Dort wird auch das Gewinnerteam der Challenge ausgezeichnet. Damit entsteht weit mehr als ein Wettbewerb: Die Challenge bildet eine Brücke zwischen Forschung, Deep-Tech-Startups, Industriepartnern und Investoren und schafft einen Raum, in dem neue Robotik-Technologien unter realen Bedingungen weiterentwickelt werden können.
Die Zukunft wird physisch
Humanoide Robotik befindet sich an einem ähnlichen Wendepunkt wie die generative KI vor wenigen Jahren. Die technologischen Grundlagen sind vorhanden, die Investitionen steigen und die ersten kommerziellen Anwendungen werden sichtbar. Der nächste große Fortschritt wird jedoch nicht allein durch leistungsfähigere Algorithmen erreicht werden. Entscheidend wird sein, wie gut Roboter ihre Umgebung wahrnehmen, verstehen und sicher mit ihr interagieren können.
Die Ergebnisse der Infineon Startup Challenge zeigen eindrucksvoll, dass genau an diesen Fähigkeiten weltweit gearbeitet wird. Die Zukunft humanoider Robotik entsteht nicht nur in Rechenzentren oder KI-Laboren. Sie entsteht dort, wo künstliche Intelligenz auf künstliche Sinne trifft, wo Hardware und Software zusammenwachsen und wo internationale Teams gemeinsam an realen Anwendungen arbeiten.
Die kommenden Monate werden zeigen, welche der aktuell entwickelten Technologien den größten Einfluss auf die nächste Generation humanoider Roboter haben werden. Spätestens bei den Final Pitches am 6. Oktober in Graz wird sichtbar werden, welche Ideen das Potenzial besitzen, den Sprung aus dem Labor in reale Anwendungen zu schaffen. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus den 104 Bewerbungen: Die Zukunft humanoider Robotik wird nicht von einem einzelnen Durchbruch bestimmt werden.
Sie entsteht durch das Zusammenspiel vieler Technologien – von Sensorik über Leistungselektronik bis hin zu KI und Systemintegration. Und sie entsteht dort, wo Startups, Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen gemeinsam daran arbeiten, Robotern die Fähigkeiten zu geben, die für Menschen selbstverständlich sind. Nicht nur zu denken – sondern die Welt zu sehen, zu fühlen und mit ihr zu interagieren.
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